Das Grablied

Michael von Jung war als Schriftsteller zuallererst ein
in Versen und nach Noten predigender Seelsorger
und Aufklärer.

1.
Noch zittern wir und beben
An diesem Grabesrand;
Denn auch nach unserm Leben
Griff schon des Todes Hand
2.
Wir standen an der Seite
Der armen Sterbenden;
Da kamen viele Leute,
Um sterben sie zu sehn.
3.
Auf einmal hört man krachen,
Und sieh: der Boden brach
Und sank, und alle Sachen
Und Menschen stürzten nach.
4.
Das Weib in letzten Zügen
Fuhr eingeballt hinab,
Und blieb im Schutte liegen,
Und fand darin ihr Grab.
5.
Die Durchzugbalken bogen,
Sich ein, nicht stark genug,
Und ihnen war entzogen
Der Balken, der sie trug.

6.
Sie glitschten an der Seite
Der Stubenwand herab;
So stürzten alle Leute
In untern Stock hinab.
7.
Man konnte leicht erwarten:
Sie brächen Arm und Bein,
Und schlügen an dem harten
Gebälk die Schedel ein.
8.
Doch Dank der Vorsicht Gottes:
Man zog aus Schutt und Graus,
Und aus dem Arm des Todes
Uns alle wohl heraus.
9.
Nur diesem armen Weibe
Ward noch ihr letzter Hauch,
mit eingeballtem Leibe,
Erstickt in Schutt und Rauch.
10.
So schweben wir beständig
In tödlicher Gefahr,
So stellt sich uns lebendig
die Lehre Jesu dar:

11.
Drum wacht und bethe Jeder
bei jedem Glockenschlag;
Denn seht: ihr wisset weder
Die Stunde noch den Tag.
12.
Ja haltet euch durch bethen
und Tugend stets gefaßt,
Dieß wird die Seele retten,
Wenn ihr im Tod erblaßt.
13.
Denn mag zusamen brechen
Der Bau der ganzen Welt,
Wir können furchtlos sprechen:
Gott ist es, der uns hält.

 
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